Faulhaber war ein guter und aufmerksamer Beobachter seiner Zeit. Seine Tagebucheinträge formulierte er in der Regel in unmittelbarer zeitlicher Nähe zum Geschehen. Es gibt nur wenige Hinweise darauf, dass er sie zu einem späteren Zeitpunkt ergänzt oder verändert hätte. Die Aufzeichnungen waren nicht zur Veröffentlichung gedacht, sondern als private Gedankenstütze für den Autor. Sie sind also nicht durch strategische Überlegungen, spätere Erfahrungen und Interpretationen oder ein Wissen um den Fortlauf der Geschichte verzerrt, wie es bei Autobiografien häufig der Fall ist.

Es macht daher den besonderen Wert dieser Quellen aus, dass sie einen zeitnahen Blick hinter die Kulissen der offiziellen Korrespondenzen und Verlautbarungen erlauben. Sie lassen Emotionen und Handlungsmotive erkennen, die anhand der bisher zugänglichen Dokumente kaum zu beschreiben waren, und ergänzen diese somit um eine bedeutende Perspektive.

Da die Tagebücher Faulhabers Tagesablauf und seine mündliche Kommunikation detailliert wiedergeben, bilden sie zudem ein wichtiges Gerüst, um die Sachakten und Zeitungsausschnittssammlungen im umfangreichen Bestand „Nachlass Faulhaber“ des Erzbischöflichen Archivs München in ihre Zusammenhänge einzuordnen.

Michael von Faulhaber an seinem Arbeitstisch im Bischofshof Speyer; um 1915.