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Pressemitteilung

Der Erzbischof als kriegsmüder Feldpropst und Attentatsopfer

     Michael von Faulhaber als Feldpropst, 1917 (Quelle: EAM).

Weitere Tagebücher Michael Kardinal von Faulhabers online

München/Münster, 9. Mai 2017 – Zwei weitere Jahrgänge der Tagebücher Michael von Faulhabers sind jetzt vollständig online zugänglich. Die Notizen aus den Jahren 1918 und 1934 zeigen den Münchener Erzbischof unter anderem als kriegsmüden Feldpropst und als Opfer eines Attentats. Darüber hinaus lässt die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderte kritische Online-Edition an vielen Stellen erkennen, wie Faulhaber die Jahrhundertkatastrophen des Ersten Weltkrieges und der nationalsozialistischen Diktatur wahrnahm. Die neu zugänglichen Quellen ergänzen die bereits 2015 online veröffentlichten Jahrgänge 1919 und 1933 auf der Website des Editionsprojektes.

1918: Feldpropst Faulhaber kriegsmüde

Nach einem Gespräch mit dem Domkapitular Michael Buchberger, der später Bischof von Regensburg werden sollte, klagte Faulhaber am 3. September 1918 über „Militaria ohne Ende“. Am 1. Oktober 1918 hielt er fest, sein Generalvikar Sebastian Huber sei „ernst und zitternd vor Aufregung“ aus einer Sitzung der Zentrumspartei gekommen. „Die militärische Lage furchtbar ernst, nicht bloß nach Osten, sondern auch im Westen. Im Inneren ebenso.“ Innerhalb von 24 Stunden könne, so zitierte Faulhaber den Generalvikar, eine „Wendung“ kommen; der Episkopat müsse, wie in der Revolution von 1848, etwas tun. „Ich werde rundschreiben“, notierte der Erzbischof.

1934: Feierliche Beflaggung über zerschossenen Scheiben

Zu Beginn des Jahres 1934 war Faulhaber heftigen Angriffen durch führende Nationalsozialisten ausgesetzt. Diese hatten seine Adventspredigten von 1933 als scharfe Kritik an der Rassenideologie im Allgemeinen und dem Antisemitismus im Besonderen wahrgenommen. Eine Rede des nationalsozialistischen bayerischen Staatsministers Hermann Esser am 26. Januar 1934 heizte die Stimmung zusätzlich auf. In der Nacht vom 27. auf den 28. Januar 1934 schossen Unbekannte mehrmals auf die Fenster von Faulhabers Sprechzimmer im Erzbischöflichen Palais. „Ich habe in der Nacht nichts gehört – außer während Rosenkranz, wobei Auto Geräusch verdecken kann. Die Wehrmannpistole nicht sehr laut“, schrieb Faulhaber am 28. Januar ins Tagebuch. Trotz des Anschlags versuchte er weiterhin, mit den Machthabern konstruktiv zusammenzuarbeiten. Schon zwei Tage später, am 30. Januar , notierte er: „Heute nationaler Grosstag (1. Gedenkjahr der Machtübernahme Hitlers als Reichskanzlers) – am Haus zwei Fahnen ausgehängt – über den zerschossenen Scheiben. Übernahme war legal, also mitfeiern.“

Kontakt:
Pressestelle des Instituts für Zeitgeschichte, Simone Paulmichl
089/126 88 150
paulmichl@ifz-muenchen.de

In dieser kritischen Online-Edition werden die Tagebücher Michael Kardinal von Faulhabers und die sogenannten Beiblätter aus den Jahren 1911 bis 1952 veröffentlicht. Es bedeutet einen großen Glücksfall für die Forschung, dass diese Dokumente über einen so langen Zeitraum lückenlos überliefert sind. Erstmals wird dieser Textkorpus systematisch aus der Kurzschrift Gabelsberger übertragen und der Öffentlichkeit in Gänze zur Verfügung gestellt. Die Texte und später auch die Kommentare werden in regelmäßigen Abständen online verfügbar gemacht.

Der Münchner Erzbischof Michael Kardinal von Faulhaber (1869-1952) war ein machtbewusster Kirchenfürst, ein politischer Vordenker, ein hochgelehrter Theologe und ein internationaler Netzwerker. Er prägte die Geschichte der katholischen Kirche über zahlreiche Umbrüche hinweg, vom Kaiserreich über den Ersten Weltkrieg, die Weimarer Republik und den Zweiten Weltkrieg bis in die Besatzungszeit und die ersten Jahren der Bundesrepublik. Faulhaber mischte sich ein, nahm Stellung und scheute keinen Streit, wenn es um die Interessen der Kirche und die Verteidigung des Glaubens ging. Das brachte ihm viele Verehrer, aber auch viele Feinde ein. Besonders umstritten ist er heute wegen seiner Kriegsrechtfertigungen, seiner Kritik an der Weimarer Republik und seines Verhaltens im „Dritten Reich“.

Auch politische und kulturelle Entwicklungen beobachtete Faulhaber sehr genau – und versuchte sie zu beeinflussen. Seine Aufzeichnungen sind daher nicht nur eine wichtige Quelle für Kirchenhistoriker, sondern auch für grundlegende Fragen der deutschen und europäischen Politik-, Gesellschafts- und Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts. Die universelle Struktur der katholischen Kirche eröffnet außerdem internationale Vergleichshorizonte.

Das Editionsprojekt wird insbesondere neue Beiträge zum Verhältnis von Religion und Politik und zum Umgang der katholischen Kirche mit totalitären Ideologien ermöglichen. Gleiches gilt für innovative Forschungen zur Theologie- und Kulturgeschichte, etwa mit Blick auf personelle Netzwerke, Frömmigkeitsformen, Kriegsdeutungen und Geschlechterrollen im Katholizismus oder die Beziehungen zu anderen Glaubensgemeinschaften.

Das Team des Projekts hat sich die von Faulhaber verwendete Kurzschrift Gabelsberger angeeignet. Das Projekt trägt so dazu bei, diese Kulturtechnik vor dem Aussterben zu bewahren. Durch die technische Weiterentwicklung der Datenbanken und Darstellungsformen leistet das Projekt zudem einen Beitrag zur Verbesserung der Forschungsinfrastruktur.